09 August 2008

Fluchthelfer?

Neue Dokumente werfen ein brisantes Licht auf ein besonders dunkles Nach­kriegs­kapitel: die Flucht hochrangiger Nazi-Mörder wie Adolf Eichmann und Josef Mengele nach Südamerika. Der Vatikan und das Rote Kreuz leisteten dabei tatkräftig Mithilfe.

Mehr als dreißig Jahre lang war der verstaubte Aktenschrank in einer Ecke des römischen Palazzo Cesi, des Sitzes der Militäranwaltschaft, mit der Tür zur Wand gestanden. Irgendwann Anfang der sechziger Jahre hatte ihn jemand hierher verräumt, weil sein Inhalt das gute Verhältnis zum NATO-Partner Deutschland hätte trüben können. Immerhin enthielt er von den Alliierten unmittelbar nach Kriegsende angelegte Akten über Gräueltaten der NS-Besatzer in Italien, Zeugenaussagen über Geiselerschießungen, die Namen von SS-Größen und Angaben über deren vermuteten Aufenthalt.
Eigentlich hätte die Militärstaatsanwaltschaft als zuständige Behörde all dem nachgehen müssen. Aber dann änderten sich die Zeiten und die Fronten. Der Schrank kam in diese vergessene Ecke und wurde erst 1994 wieder entdeckt. Wie in Österreich war auch in Italien das Interesse an der Aufarbeitung der traumatischen Jahre der faschistischen Diktatur mit dem immer heißer werdenden Kalten Krieg erlahmt.

Jetzt apern die alten Papiere nach jahrzehntelanger Lagerung im ewigen Eis der Archive an verschiedenen europäischen Schauplätzen wieder aus. Viele Nationalarchive öffnen ihre Rollschränke, das Rote Kreuz in Genf gewährt Historikern erstmals Zugang zu bisher geheimer Korres­pondenz, und selbst kirchliche Quellen erschließen sich den Forschern nach und nach.
Die nun zugänglichen Dokumente werfen ein neues Licht auf ein bis heute in mystischem Dunkel liegendes Kapitel mitteleuropäischer Zeitgeschichte: die Flucht hunderter NS-Massenmörder nach Süd­amerika.
Wusste das Rote Kreuz, wem es da zur Flucht verhalf? Die Hilfsorganisation hatte schon während des Krieges eine eher zweifelhafte Rolle gespielt. Ihr Präsident, der Schweizer Carl Jakob Burckhardt, hatte zunächst das Dritte Reich bewundert und war nach Angaben von Zeitzeugen zumindest latent antisemitisch. Spätestens seit 1943 wusste die Führung des Roten Kreuzes von den Vorgängen in den Vernichtungslagern, erklärte sich aber unzuständig: Die Genfer Konvention umfasse nur Kriegsgefangene, nicht jedoch zivile Gefangene, verteidigten sich die RK-Granden, als sie nach Kriegsende unter Beschuss kamen. So Nazi-affin agierte das Rote Kreuz, dass die US-Aufklärung 1944 in einem Dossier zum Schluss kam: „Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz wird wahrscheinlich vom deutschen Geheimdienst gesteuert.“
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Quelle: profil
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