20 November 2010

Der zähe Kampf gegen die Cholera



Trinkwasser fehlt, die Seuche breitet sich aus, und die Menschen wissen nicht, wie sie sich vor Ansteckung schützen sollen. Alexandra Endres berichtet aus Port-au-Prince.

Jeder Fitzel verfügbares Land ist okkupiert in Port-au-Prince. Der Rand der Ausfallstraße Richtung Leogane ist gesäumt von Marktständen. Der Mittelstreifen verschwindet unter Zelten. Darin hausen immer noch Menschen, die durch das Beben vom Januar obdachlos geworden sind. Wasser läuft eine hügelige Seitenstraße herab und verteilt sich vor den Marktständen. Überall liegt Abfall herum.

"Sie haben das schmutzige Wasser gesehen", sagt Gary Shaye, Länderdirektor Haiti der Hilfsorganisation Save the Children. "Häufig haben die Menschen kein anderes Trinkwasser zur Verfügung." Deshalb breitet sich die Cholera jetzt so rasch aus. Mehr als 1000 Menschen sind an der Krankheit schon gestorben, obwohl Cholera eigentlich leicht zu behandeln ist. Rund 16.000 Erkrankte sind offiziell registriert. Doch weil nicht alle Kranken zum Arzt gebracht und nicht alle Toten den Behörden oder Hilfsorganisationen gemeldet werden, wird die tatsächliche Zahl wohl deutlich höher liegen. Die Caritas International schätzt, dass bis zu 70.000 Menschen mit dem Erreger infiziert sind.

In vielen Dörfern auf dem Land stehen weder Toiletten noch Latrinen zur Verfügung, berichtet die Hilfsorganisation Oxfam. In den Camps von Port-au-Prince gibt es meist immerhin sauberes Wasser, doch auch hier ist es dreckig und eng, was die Ausbreitung von Infektionskrankheiten fördert. Die sanitären Verhältnisse in Haiti seien schon lange vor dem Erdbeben erschreckend gewesen, sagt Oxfam-Länderdirektor Roland van Hauwermeiren. "Dass sich die Cholera jetzt landesweit ausbreitet, ist die Konsequenz."


Hinzu kommt, dass die Menschen kaum etwas über die Krankheit wissen, weil Cholera in Haiti bisher praktisch nicht vorkam. In dem Irrglauben, sich vor einer Ansteckung zu schützen, würden Medikamente zur Behandlung von Gesunden genommen, berichten Helfer. So seien Elektrolytlösungen, die eigentlich den Flüssigkeitsverlust von Kranken ausgleichen sollten, mit Reis gekocht und gegessen worden. Wirksame Prävention ist das natürlich nicht. Doch die Menschen tun fast alles, um sich und ihre Familien zu schützen. Sie seien deshalb auch sehr erpicht darauf, die grundlegenden Hygieneregeln zu erlernen, sagt Paula Brennan, verantwortlich für die Cholera-Bekämpfung bei Oxfam.

Die Mitarbeiter der Organisationen aus aller Welt tun, was sie können. Zum Beispiel in Siloe, einem Camp auf dem Gelände einer Privatbank in Port-au-Prince. Das ehemalige Bankgebäude wurde durch das Beben beschädigt, der blau geflieste Swimmingpool mit den Betonnixen, die sich am Rand räkeln, ist nun leer. Drumherum drängen sich Zelte.
Auf einer kleinen Bühne übt ein Mitarbeiter von Save the Children ein Lied mit den Kindern des Lagers: "Bonjour l’eau, bonjour savon …" Neben ihm schwitzen drei Jugendliche, die in ihren dicken Kostümen Wasser, Seife und eine Hand darstellen. So sollen die Kinder lernen, wie wichtig regelmäßiges Händewaschen mit Wasser und Seife ist. Gleich neben der Bühne stehen sauberes Wasser und Seife bereit. Nach der Aufführung waschen alle gründlich ihre Hände.

Der zähe Kampf gegen die Cholera

Doch über die Cholera aufzuklären, braucht Geduld. Anderswo bauen Helfer Latrinen und Duschen auf, verteilen Trinkwasser oder errichten Erstversorgungszelte für Cholera-Kranke – obwohl in der Enge der Camps kaum Platz für die großen Zelte ist, und die Bewohner die Krankenstationen nicht in ihrer Nähe haben wollen. Sie haben Angst, sich erst recht anzustecken. "Viele benutzen auch die Latrinen nicht", sagt Marlene de Tavernier, eine belgische Ärztin im Camp Delmas 56. Vor allem Männer verrichteten ihr Geschäft lieber in der freien Natur, erzählt sie. So bleibt die Gefahr groß, dass Cholera-Bakterien ins Trinkwasser gelangen.

Das Misstrauen gegenüber den ausländischen Helfern ist besonders groß, seit die unbestätigte Nachricht verbreitet wurde, nepalesische UN-Soldaten hätten die Krankheit ins Land gebracht. Vor wenigen Tagen kam es in Cap Haitien im Norden des Landes deshalb zu gewalttätigen Protesten gegen eine Basis der Nepalesen, bei denen zwei Menschen starben. Und selbst wenn das Verhältnis zwischen Helfern und Haitianern besser wäre: "Die Organisationen können gar nicht alle Menschen erreichen, die versorgt werden müssten", sagt Save-the-Children-Direktor Shaye. Es sind zu viele. Die haitianischen Behörden selbst, ohnehin schwach, wurden durch das Beben so stark getroffen, dass sie sich erst recht nicht kümmern können.

Und was tun mit den Toten? "Die Menschen sind es gewohnt, bei ihren Verstorbenen zu wachen, sie zu berühren oder zu küssen", sagt Julie Boileau, die für Save the Children die Hilfe in Leogane koordiniert. Nun versuchen die Helfer die Menschen davon zu überzeugen, die Toten nicht anzufassen – zumindest so lange die Cholera wütet.

Eine weitere Ausbreitung ist kaum zu verhindern. Die Hilfsorganisationen weiten ihre Hilfe aus und wiederholen ihre Spendenaufrufe. Die UN rechnet bereits jetzt mit bis zu 200.000 Kranken.
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Quelle: Zeit

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